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Seriös simuliert - unseriöser Wissenschaftler?
Die Simulation einer interdisziplinären Forschergruppe der Purdue-Universität beschäftigt sich mit dem Impact der Boeing 757 und dem Schaden im Pentagon-Gebäude. Mit wissenschaftlichen Methoden wurde der Boeing-Einschlag rekonstruiert. Im Zusammenhang mit dieser Simulation wurden Animationssequenzen (Archiv) und eine erklärende Präsentation veröffentlicht, ebenso ein Video der Animation (46 MByte) und die dazugehörigen Fachpublikationen. (Archiv)
Der interdisziplinären Experten-Gruppe steht nominell Professor Mete Sozen, vor, ein etablierter Experte auf dem Forschungsgebiet ‘Stahlbetonbauten und Schadenseinwirkungen’, insbesondere als Folge von Erdbeben. Einige seiner Publikationen sind hier aufgelistet. Kettelhut Distinguished Professor Mete A. Sozen has been selected as one of the "top seismic engineers of the 20th century" by an independent panel commissioned by the Applied Technology Council, a non-profit corporation based in Washington, D.C. The award was issued to Sozen on April 17, 2006 in honor of his "substantial contributions in earthquake engineering", according to a statement from the council. (Quelle)
Im Jahr 2008 veröffentlichte Professor Sozen ein Handbuch für Bau-Ingenieure: Understanding Structures: An Introduction to Structural Analysis
Was hat der Politologe Wisnewski in seinem Buch ‘Mythos 9/11’ anzubieten, um die Seriösität dieses Wissenschaftler und seiner Mitarbeiter in Frage zu stellen? Einer der beiden Einwände bezieht sich auf die verwendeten Parameter: Allerdings benötigt jede Modellrechnung Ausgangswerte. Ein wichtiger Wert in diesem Fall ist natürlich die Geschwindigkeit, mit der der Jet aufgeprallt sein soll. Je höher die Geschwindigkeit, umso plausibler die hochgradige Zerstörung des Flugzeugs. In der zitierten WDR-Sendung erklärte der Wissenschaftler, die Maschine sei mit 850 km/h aufgeprallt. Genauso wird Sozen auch im SPIEGEL vom 08. September 2003 zitiert. [....] Die einzige Grundlage, einen Absturz seriös zu simulieren und als Animation darzustellen, bilden die etwa 160 Daten des Flugdatenschreibers. Der aber befindet sich unter Verschluß. (Mythos 9/11, S. 173)
Richtig ist, daß die Öffentlichkeit lange Zeit keinen Zugriff auf die Dokumente zum Flugdatenschreiber hatte - was aber hat das mit dem Zugriff auf diese Daten von beteiligten Sachverständigen zu tun?
Natürlich nichts.
Der ausgewertete Flugdatenschreiber von American Airlines 77 lag im Januar 2002 vor (NTSB report, "Specialist's Factual Report of Investigation - Digital Flight Data Recorder" for AA Flight 77, Jan. 31, 2002 PDF)
Der begleitende NTSB-Report vom Februar 2002 besagt folgendes: The airplane accelerated to approximately 460 knots (530 miles/per hour) at impact with the Pentagon. (NTSB report, "Flight Path Study-American Airlines Flight 77," Feb. 19, 2002 PDF)
Im Januar 2003 wurde der Pentagon Building Performance Report veröffentlicht, an dem Professor Mete Sozen mitgewirkt hat. Der Report enthält u.a. folgende Information: The Boeing 757 approached the west wall of the Pentagon from the southwest at approximately 780 ft/s. (S.18)
Auch im 9/11 Commission Report von 2004 findet sich diese Information mit dem Verweis auf den NTSB-Bericht: At 9:37:46, American Airlines Flight 77 crashed into the Pentagon travelling at approximately 530 miles per hour.
530 mph = 780ft/s = 850km/h
In der Studie wurde ein gerundeter Wert berücksichtigt, der um 2,5% vom Näherungswert abweicht: The airplane is assumed to arrive with an estimated initial velocity of 800 ft/sec. (Quelle)
Die Angaben beziehen sich also selbstverständlich auf den ausgewerteten Flugdatenschreiber. Der Buchautor Wisnewski bestätigt damit ironischerweise - und natürlich unbeabsichtigt - die seriöse Grundlage der Purdue-Studie, denn: Die einzige Grundlage, einen Absturz seriös zu simulieren und als Animation darzustellen, bilden die etwa 160 Daten des Flugdatenschreibers. (in Mythos 9/11, S. 173)
Selbstverständlich hatte der vom Pentagon beauftragte Professor Sozen und seine Mitarbeiter Zugriff auf Daten, die der Öffentlichkeit nicht ohne weiteres zur Verfügung gestellt werden. Ob dem Politologen und ‘NoBoeing’-Theoristen Wisnewski die naheliegendste Erklärung vorsätzlich nicht in den Sinn kommt, bleibt fraglich. Was die Wisnewski-treue Webseite arbeiterfotografie.de hierzu an Unterstellung verbreitet, passt nahtlos zur Diskreditierungsstrategie: Die Daten des Flugschreibers sind nicht bekannt (entweder ist er zerstört, nicht auffindbar gewesen oder unter Verschluß). Also kann es sich bei dem Wert von 900 bzw. 850 km/h nur um eine Spekulation handeln, keinesfalls um einen gesicherten Wert, wie hier von Prof. Mete Sozen und den Autoren des Beitrags suggeriert wird.
Auf den Punkt gebracht: Spekulierende Verschwörungstheoretiker unterstellen aus Unwissenheit einem Wissenschaftler, er würde spekulieren.
Die Veröffentlichung der Flugschreiber-Dokumente erfolgte schliesslich im August 2006 aufgrund diverser FOIA-Anträge (Quelle)
‘Basiswissen’ vs Expertenwissen
Der berücksichtigte Parameter ‘Geschwindigkeit’ ist nachweisbar auf Flugdatenschreiber-Daten zurückzuführen. Die Wissenschaftler scheinen demnach seriös gearbeitet zu haben, weil sie diese Daten verwendet haben. Bemerkenswert ist daher, wie ‘fundiert’ der Politologe Wisnewski die dokumentierten Daten grundsätzlich in Zweifel zu ziehen versucht: Keine Passagiermaschine dieses Typs erreicht in Bodennähe auch nur annähernd solche Geschwindigkeiten. Vielmehr ist ein solches nahe der Höchstgeschwindigkeit liegendes Tempo nur in sehr großer Höhe und damit in dünner Luft möglich. In Bodennähe schafft eine Boeing dieser Bauart mit äußerster Kraft vielleicht fünf-bis sechshundert Stundenkilometer - mehr nicht. Die Simulation geht also von einem völlig falschen Ausgangswert aus und ignoriert damit jedes zugängliche Basiswissen der Luftfahrt. (Mythos 9/11, S, 173)
Eine fundierte Quelle für diese Behauptung fehlt natürlich - es bleibt eine pure Behauptung, verkauft als angebliches “Basiswissen der Luftfahrt”.
Die ‘Verschwörer’ hätten demnach mittels eines manipulierten Flugdatenschreibers physikalisch unmögliche Daten produziert - so die implizite Logik eines Buchautors, der kein ‘Verschwörungstheoretiker’ ist.
Überprüfbare Belege für diese schwerwiegende Behauptung?
Fehlanzeige!
Zusammenfassung:
- Wisnewski fordert die Berücksichtigung der Flugschreiber-Daten und zeigt sich uninteressiert, den Ursprung der verwendeten Daten zu recherchieren.
- Die Purdue-Studie berücksichtigt die Daten, die vom ausgewerteten Flugdatenschreiber stammen.
- Wisnewski behauptet trotzdem, die Purdue-Gruppe hätte einen falschen Ausgangswert berücksichtigt.
- Wisnewski behauptet zu diesem Zwecke, daß diese Geschwindigkeit nicht erreicht werden kann. Ein Beleg für diese Behauptung fehlt.
Dieses Beispiel belegt demnach nicht die Unseriösität des Wissenschaftlers, sondern des diskreditierenden Buchautors. Die Qualität dieses Politologen-Einwandes wird jedoch von der Qualität des zweiten Einwandes deutlich übertrumpft: Die unterlassene Wahrheit
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